Was geschah am 06.06. im Jahr ...

1945

Der Stadtkommandant Generaloberst Bersarin beauftragt eine Gruppe von Schauspielern und Künstlern in einer Aussprache mit der Errichtung einer Kammer der Kunstschaffenden. Die Kammer soll am Wiederaufbau des Berliner Theater- und Kunstlebens beteiligt werden und "als selbstverwaltende Körperschaft später die ausübenden Künstler aller Kunstzweige umfassen und die Entfaltung der schöpferischen Kräfte aller Gebiete des Kunstlebens nach neuen geistigen, politischen und organisatorischen Gesichtspunkten lenken und kontrollieren". Zum Präsidenten der Kammer wird der Schauspieler Paul Wegener bestellt. Dem Präsidialrat gehören weiter an: Michael Bohnen, Fritz Erpenbeck, Eduard v. Winterstein und als Geschäftsführer der stellvertretende Leiter der Abteilung für Volksbildung des Magistrats, Erich Otto.

In einer Bekanntmachung des Stadtgerichts als Oberstes Gericht zu Berlin wird den während des nationalsozialistischen Regimes tätig gewesenen Notaren die weitere Amtsausführung untersagt. Ihre Funktionen übernehmen zunächst die Amtsgerichte.

Der Obmann der zu Kleinmachnow im Landkreis Teltow gehörenden Siedlung Dreilinden richtet an den Magistrat der Stadt Berlin den Antrag auf Eingemeindung der Siedlung in den angrenzenden Berliner Verwaltungsbezirk Zehlendorf.

Der Bezirksbürgermeister Grändorf von Schöneberg fordert in einer Bezirksamtssitzung die Polizei auf, darauf zu achten, daß sich im Schöneberger Stadtpark nicht mehr weidende Pferde aufhalten. Die Grünflächen sollen der Bevölkerung zugänglich gemacht und ferner im Stadtpark eine Freilichtbühne errichtet werden.

1946

Vor der Konferenz der Bezirksbürgermeister erläutert Stadtrat Arthur Pieck (SED) die Pläne für eine straffere Organisation der Bergungsämter. Das Bewirtschaftungsamt für Bergungsgut des Magistrats wird ab sofort unter seinem neuen Leiter, Bernhard Troschke, der Abteilung für Personal und Verwaltung des Magistrats unterstellt und als vorgesetzte Dienststelle der Bezirks-Bergungsämter mit diesen eng zusammenarbeiten. Nach längerer Aussprache, in der Bedenken gegen eine zunehmende Zentralisierung der Verwaltung geäußert werden, stimmen die Bezirksbürgermeister den Vorschlägen zu. Für die Organisation der Bergungsämter im einzelnen soll ein Statut ausgearbeitet werden.

Anschließend gibt Bürgermeister Orlopp (SED) als kommissarischer Leiter der Abteilung für Ernährung einen Überblick über die Ernährungslage.

Ein Vertreter der Abteilung für Handel und Handwerk des Magistrats berichtet ausführlich über die Arbeit der Wirtschaftsspruchkammer, deren Entscheidungen in mehreren Fällen von Bezirksverwaltungen ignoriert oder hintertrieben worden seien. Mit der von der Alliierten Kommandantur befohlenen Einrichtung von Verwaltungsgerichten in ganz Berlin werde, wie vorgesehen, die Spruchkammer in Kürze ihre Arbeit einstellen können.

1947

Münchener Konferenz der Ministerpräsidenten der Länder der westlichen Besatzungszonen, der sowjetischen Besatzungszone sowie der Bürgermeister der Stadt Berlin.
Die Konferenz, die sich, beeindruckt durch die Darlegungen des Berliner Bürgermeisters, Frau Louise Schroeder, ausführlich auch mit der schweren wirtschafts- und ernährungspolitischen Situation der alten Reichshauptstadt Berlin befaßt, wählt die Berliner Bürgermeister Dr. Friedensburg und Dr. Acker in die Kommissionen für Wirtschaft und Ernährung sowie Frau Bürgermeister Schroeder in den Viererausschuß zur Berichterstattung an den Kontrollrat. Auch wird Berlin als Notstandsgebiet anerkannt. Die Ministerpräsidenten der sowjetischen Besatzungszone fordern als Punkt eins der Tagesordnung Besprechungen über die Bildung einer deutschen Zentralverwaltung unter Teilnahme der politischen Parteien und der Gewerkschaften im Sinne der Einheitsbestrebungen der SED. Ihnen war jedoch aus den Vorbesprechungen bekannt, daß auf Anordnung der Militärregierungen der amerikanischen und britischen Besatzungszonen nur über Maßnahmen zur Behebung der Wirtschaftsnot und zur Klärung der Ernährungslage beraten werden darf. Ebenso wußten sie, daß die französische Militärregierung den Delegierten ihres Besatzungsgebietes eine Beteiligung an politischen und staatsrechtlichen Diskussionen ausdrücklich untersagt hatte. Da deshalb dem Antrag nicht stattgegeben werden kann, verzichten die Ministerpräsidenten der sowjetischen Besatzungszone auf eine weitere Teilnahme an der Konferenz, nachdem ein Vermittlungsversuch des Berliner Bürgermeisters Dr. Friedensburg gescheitert ist.

1947

Erster Kongreß der deutschen Filmautoren nach dem Kriege, verbunden mit der Ausstellung "Film einst und jetzt". Vertreter der sowjetisch lizenzierten Filmgesellschaft DEFA bezeichnen diese als eine Einrichtung der Zentralverwaltung für Volksbildung der sowjetischen Besatzungszone. Sie richten schwere Angriffe gegen die amerikanische Filmwirtschaft.

1949

Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Harry S. Truman, verfügt die Errichtung des Amtes eines amerikanischen Hohen Kommissars für Deutschland. Der Hohe Kommissar übt unter der unmittelbaren Aufsicht des Außenministeriums alle Regierungsfunktionen der Vereinigten Staaten aus und vertritt die USA in der vorgesehenen Alliierten Hohen Kommission für Deutschland.

Bei den Besprechungen der Wirtschafts-, Finanz- und Transportsachverständigen der Besatzungsmächte in Deutschland teilen die Vertreter der westlichen Militärregierungen den sowjetischen Teilnehmern mit, daß sie kein interzonales Transportabkommen in Kraft setzen könnten, solange der Eisenbahnerstreik in Berlin andauere, der die Verbindung zwischen der Stadt und den westlichen Besatzungszonen behindere. Der Wirtschaftsberater der amerikanischen Militärregierung, Lawrence Wilkinson, erklärt, daß die bisher geführten Verhandlungen die sowjetische Absicht gezeigt haben, auch nach Beendigung des Streiks nicht mit den westlichen Besatzungsmächten zusammenzuarbeiten und die gegenwärtige Situation, die eine Erneuerung von Verkehrsbeschränkungen darstelle, so lange wie möglich beizubehalten.
In einem Schreiben fordert Wilkinson den Leiter der Transportabteilung der sowjetischen Militärregierung, Generalmajor Kwaschnin, auf, die seit Beginn des Eisenbahnerstreiks festgehaltenen Züge weiterfahren zu lassen, da die Verwaltung der Reichsbahn in der sowjetischen Besatzungszone nichts unternähme, um die seit fast zwei Wochen aufgestauten Güterzüge nach Berlin zu bringen.

1951

Der Berliner Vertreter der SKK, S. A. Dengin, protestiert beim britischen Stadtkommandanten, Generalmajor Bourne, gegen "Übergriffe" der West-Berliner Polizei bei ihrem Vorgehen gegen Angestellte der S-Bahn, die für die "Volksbefragungsaktion" Propaganda gemacht hätten.

147. Sitzung des Deutschen Bundestages.
Der Berliner Abgeordnete Brandt fordert für die SPD die Einbeziehung Berlins in das Umsatzsteuer- und Beförderungsteuergesetz, weil Berlin auch dann in die bundesgesetzlichen Regelungen einbezogen werden sollte, wenn im einzelnen schwerwiegende Bedenken gegen den materiellen Inhalt der in Frage stehenden Gesetze geltend zu machen wären. Der sozialdemokratische Antrag wird mit großer Mehrheit angenommen.

Der Berlin-Ausschuß des Bundestages empfiehlt in Anwesenheit von Finanzsenator Dr. Haas, daß der Bund die ihm nach dem Überleitungsgesetz gegenüber Berlin obliegenden Aufgaben voll erfüllt. Dafür müsse Berlin die dem Bund zustehende Steuerquote der Einkommensteuer abführen. Weiter befürwortet der Ausschuß, daß der volle Ertrag aus dem Notopfer Berlin in Höhe von 600 Millionen DM dem Berliner Landeshaushalt ungeteilt überlassen wird (vgl. Schriftenr. Bln. Zeitgesch., Bd. 3, S. 846, 14.12.1950, Nr. 34).

Die Zehlendorfer Bezirksverordnetenversammlung beauftragt das Bezirksamt, das sowjetische Panzerdenkmal an der Potsdamer Chaussee in Nikolassee sofort entfernen zu lassen. Um dem Schrottmangel in der SBZ abzuhelfen, "soll das kriegerische Monument" den zuständigen Stellen der sowjetzonalen Regierung zum Abtransport angeboten werden. Am 4. Juni hatten unbekannte Täter das Denkmal mit Benzin übergossen und angezündet, wobei die den Panzer überdeckende Silberbronzeschicht zerstört wurde.

1951

Im Steglitzer Titania-Palast finden die ersten Internationalen Filmfestspiele Berlin statt, an denen sich 21 Nationen mit 34 Spielfilmen und 105 Kulturfilmen beteiligen (vgl. Schriftenr. Bln. Zeitgesch., Bd. 3, S. 857, 8.1.1951, Nr. 8 d).
Zur Eröffnung betont der Regierende Bürgermeister Ernst Reuter, daß Berlin immer allen Künsten eine Heimstatt bot und deshalb alles getan werde, um auch der Filmindustrie in dieser Stadt wieder ausreichende Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen.
Der amerikanische Stadtkommandant, Generalmajor Mathewson, überreicht dem Berliner Regisseur Günter Neumann für seinen Film "Herrliche Zeiten" den Silberlorbeer. Dieser Preis wurde 1949 von dem amerikanischen Filmproduzenten David O. Selznick für den deutschsprachigen Film gestiftet, der den größten Beitrag "zur Förderung des gegenseitigen Verständnisses und guten Willens zwischen den Völkern der freien demokratischen Welt geleistet hat".
In Vertretung von Bundesminister Dr. Lehr übergibt Staatssekretär Dr. Wende den Bundesfilmpreis 1950 an die Hersteller des Spielfilms "Das doppelte Lottchen".
Zum Abschluß der Filmfestspiele verleiht die Internationale Jury als Preise in acht Filmgruppen jeweils einen Goldenen, Silbernen und Bronzenen Bären von Berlin. In der Abteilung "Dramatische Filme" erhält die Schweizer Produktion "Die Vier im Jeep" und in der Sparte "Musik-Filme" der amerikanische Beitrag "Cinderella", der durch Besucherabstimmung auch zum publikumswirksamsten aller Filme erklärt wird, den Goldenen Bären.

1952

Die SKK entfernt auf Ersuchen des amerikanischen Stadtkommandanten, Generalmajor Mathewson, die sowjetischen Posten am nordöstlichen, zum amerikanischen Sektor gehörenden Ufer des Griebnitzsees, die nach einer sowjetischamerikanischen Vereinbarung dort seit 1945 die auf der sowjetischen Seite des Sees von ihren Behörden beschlagnahmten Häuser, darunter den Sitz des jeweiligen Oberbefehlshabers der sowjetischen Truppen in Deutschland, bewachten. Damit steht das gesamte Waldgebiet nördlich des Griebnitzsees der Berliner Bevölkerung zur Erholung wieder zur Verfügung. Generalmajor Mathewson hatte den Berliner Vertreter der SKK, Dengin, am 3. Juni in einem Schreiben darauf hingewiesen, daß die Stationierung sowjetischer Soldaten nicht mehr geduldet werden könnte, nachdem die Villen durch die sowjetischen Behörden geräumt wurden.

Die sowjetischen Behörden geben den Bewohnern der Exklave Steinstücken den Zugang nach West-Berlin wieder frei. Nachdem den Steinstückenern der nähere Weg zum bereits in der sowjetischen Zone liegenden S-Bahnhof Griebnitzsee durch die sowjetzonalen Sperrmaßnahmen verwehrt ist, bleibt ihnen jetzt nur noch der etwa 1100 m lange unbefestigte Waldweg über Kohlhasenbrück als Verbindung nach West-Berlin.
Die Bewohner der Exklave Eiskeller, britischer Sektor, erhalten von der Volkspolizei Passierscheine zur Fahrt nach West-Berlin, jedoch nur auf dem Umweg über Falkensee.

Die Senatsverwaltung für Post- und Postfernmeldewesen richtet auf Grund eines am Vortage vom Abgeordnetenhaus einstimmig angenommenen SPD-Dringlichkeitsantrages in 40 in der Nähe der Sektoren- und Zonengrenze gelegenen West-Berliner Postämtern Fernsprechstellen ein, die Bewohnern des sowjetischen Besatzungsgebietes nach Vorlage ihres Personalausweises gegen Zahlung von DM (Ost) Ortsgespräche mit West-Berliner Teilnehmern ermöglichen.

1953

Der Ministerrat der Sowjetunion ernennt den bisherigen politischen Berater der sowjetischen Kontrollkommission, Pawel Fedorowitsch Judin, zum Stellvertreter des sowjetischen Hohen Kommissars in Deutschland.

1954

Die Pan American Airways (PAA) eröffnet vom Flughafen Tempelhof aus die direkte Flugverbindung Berlin-New York. Diese Strecke soll zunächst einmal wöchentlich beflogen werden. Die Gesamtreisezeit beträgt 21½ Stunden mit planmäßigen Zwischenlandungen in Hamburg und Glasgow.

1955

24. (Ordentliche) Sitzung des Senats von Berlin.
Der Senat beschließt, nach grundsätzlicher Erörterung seines Verhältnisses zur BEWAG, von dem ihm satzungsmäßig zustehenden Aktienrückkaufsrecht zum 30. Juni 1956 keinen Gebrauch zu machen. Doch erklärt er sich bereit, der BEWAG 60 Mill. DM zum Ausbau ihrer Anlagen durch Kapitalaufstockung oder im Darlehenswege bereitzustellen, damit die entsprechenden Aufträge noch im Verlaufe dieses Sommers vergeben werden können.

1956

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit gibt bekannt, daß Vizekanzler Dr. Blücher und der Direktor der US-Operations Mission to Germany, Tuthill, über die Verwendung der amerikanischen Unterstützung - darunter Beträge aus dem Zins- und Tilgungsaufkommen des ERP-Sondervermögens und freie Mittel aus früheren Programmen - im Rahmen der Fortführung der Berlin-Hilfe für 1956 folgende Einzelheiten vereinbarten:

  1. Finanzierung von Investitionsvorhaben Berliner Unternehmer 174,0 Mill. DM
  2. Finanzierung zusätzlicher Aufträge 150,0 Mill. DM
  3. Anteilige Finanzierung des Wiederaufbauprogramms (früher Arbeitsbeschaffungsprogramm) 70,5 Mill. DM
  4. Gewährung von Zuschüssen zur Förderung der wirtschaftlichen und Grundlagenforschung 2,0 Mill. DM
  5. Gewährung von Zuschüssen zur Förderung der Produktivität 1,5 Mill. DM
    zusammen: 398,0 Mill. DM
In den Gesprächen habe Dr. Blücher den Vereinigten Staaten den Dank der Bundesregierung für ihre stetige Bereitschaft zur Mithilfe an der Stärkung Berlins ausgesprochen, deren praktischer Erfolg u. a. in der Steigerung des Bruttosozialprodukts von 3,8 Mrd. DM im Jahre 1950 auf 7,3 Mrd. DM im Jahre 1955 und der Industrieumsätze von 1,8 Mrd. DM auf 5,2 Mrd. DM im gleichen Zeitraum, in einer wesentlichen Verbesserung der Leistungsbilanz und in der Schaffung von rd. 290 000 neuen Arbeitsplätzen seinen beredten Ausdruck gefunden habe.

Ost-Berlins Oberbürgermeister Ebert schlägt dem Regierenden Bürgermeister Prof. Suhr in einem Schreiben unter Berufung auf seine vor der Volkskammer im Mai abgegebene Erklärung sowie auf die "wiederholten Vorschläge von Volksvertretung und Magistrat" ein persönliches Gespräch zur Beratung von Maßnahmen vor, um die Erhöhung der BVG-Fahrpreise in West-Berlin und die damit verbundene soziale Belastung der Bevölkerung abzuwenden sowie die Verkehrsverbindungen zwischen beiden Teilen der Stadt zu erleichtern.

Der Regierende Bürgermeister Prof. Suhr unternimmt zu seiner Information eine ausgedehnte Rundfahrt durch den Bezirk Kreuzberg. Während er dabei das Gelände des stillgelegten Görlitzer Bahnhofs ungehindert besichtigen kann, wird ihm in Begleitung von Bezirksbürgermeister Kressmann das Betreten der Ruine des Anhalter Bahnhofs vom örtlichen Dienststellenleiter mit dem Bemerken verwehrt, daß dafür keine Genehmigung der dafür zuständigen Reichsbahndirektion in Ost-Berlin vorliege.
Unmittelbar danach bewertet Prof. Suhr vor Journalisten dieses Verhalten als einen Beweis dafür, daß die "Machthaber im Ostsektor" tatsächlich noch immer keine Bereitschaft zur Aufnahme innerstädtischer Kontakte zeigten.

Ost-Berlins Magistrat übernimmt die vom DDR-Ministerrat am 28. Oktober 1955 erlassene "Verordnung über die staatlichen Verwaltungsgebühren", die für alle Verwaltungshandlungen erhoben werden, die die staatlichen Organe auf Veranlassung der Beteiligten oder auf Grund gesetzlicher Bestimmungen in Angelegenheiten der Beteiligten durchführen. Davon ausgenommen bleiben u. a. mündliche Auskünfte und überwiegend im öffentlichen Interesse liegende Verwaltungshandlungen, wie z. B. bei der Sozialversicherung, beim Mutter- und Jugendschutz, in Gnadensachen, bei Bränden, Unfällen und öffentlichen Notständen. Organe des Staatsapparats, politische Parteien, Massenorganisationen sowie Diplomaten und ihre Angehörigen sind ebenfalls von der Entrichtung dieser Gebühren befreit.

Der Präsident des Hilfswerks Berlin, Stuttgarts Oberbürgermeister Dr. Klett, erklärt auf einer Pressekonferenz in Bonn es als Ziel, in diesem Jahre im Rahmen der Aktion "Berliner Kinder suchen einen Platz an der Sonne" 20 000 Ferienfreiplätze im Bundesgebiet zu finden. Da allerdings bisher dafür Familien nur 2750 und Kinderheime 2419 Plätze anboten und weitere 3000 durch Sammlungen finanziert werden konnten, habe das Hilfswerk, um den Fehlbedarf zu decken, inzwischen 30 000 Aufrufe an Kreise, Gemeinden und Wohlfahrtsverbände herausgeschickt.
Der Bruttoertrag der in diesem Jahr erstmals durchgeführten Fernseh-Lotterie des Norddeutschen Rundfunks zugunsten der Kinderhilfsaktion betrug 1,165 Mill. DM, was er als ein gutes Ergebnis betrachte.

Der sowjetische Geiger David Oistrach gibt im Konzertsaal der Hochschule für Musik sein erstes Konzert in West-Berlin mit Werken von Beethoven, Prokofiew und Brahms, nachdem auch sein Sohn Igor erst vor wenigen Wochen hier aufgetreten war.

1957

60. (Außerordentliche) Sitzung des Abgeordnetenhauses von Berlin.
In einer mehr als dreistündigen Stadtrundfahrt informieren sich die Mitglieder des Abgeordnetenhauses über den Stand der Bauarbeiten im Hansa-Viertel für die Interbau 1957 und über Neubauten in den Bezirken Kreuzberg, Tiergarten, Wedding, Reinickendorf, Spandau, Charlottenburg und Wilmersdorf. Zuvor hatte das Plenum die Vorlage des Bausenators über die Interbau zur Kenntnis genommen.

Das Omnibuspersonal der West-Berliner BVG tritt auf Beschluß der Betriebsräte der drei Omnibusbahnhöfe (Winfriedstraße in Zehlendorf, Westfälische Straße in Wilmersdorf und Helmholtzstraße in Moabit) mit Betriebsbeginn in einen Streik, um gegen den geteilten Dienst (z. B. von 5 bis 9 Uhr und dann von 13 bis 17 Uhr), der insgesamt 35 % der Dienstzeit ausmacht, zu protestieren. Die Betriebsräte - die ÖTV wird von dem Streikbeschluß überrascht - wollen den geteilten Dienst auf 15 % der Dienstzeit gesenkt sehen. Infolge des Streiks, der aber zwischen 8 und 9 Uhr wieder beendet wird, kommt es während des Berufsverkehrs wegen der Überfüllung von Straßenbahn, U-Bahn und S-Bahn zu teilweise erheblichen Verspätungen. Bei den noch im Laufe des Tages stattfindenden Verhandlungen zwischen der BVG-Direktion und der ÖTV wird eine Kompromißlösung gefunden, durch die der Anteil des geteilten Dienstes auf 20 % gesenkt wird.

In Ost-Berlin werden die ersten zehn "Biwa"-Läden (Billige Waren) der HO und des Konsums eröffnet, die Restposten und solche Waren - z. B. Schuhe und Textilien - verkaufen, die zwar ihren vollen Gebrauchswert besitzen, aber modisch und qualitativ überholt sind. Da die Leiter dieser Läden die durchschnittlich um 40 % gesenkten Preise in eigener Verantwortung festsetzen, kommt es zu Preisdifferenzen. Schmuck, Musikinstrumente, Fahrzeuge, Radioapparate, Fernsehgeräte, optische Geräte, Kühlschränke, Möbel usw. werden in den Biwa-Läden nicht verkauft.

1958

Der Deutsche Wissenschaftsrat beschließt auf seiner Vollversammlung in der Technischen Universität, seine Geschäftsstelle nicht in Berlin, sondern, nachdem Bund und Länder einer früheren Entschließung des Rates zugestimmt hatten, in Köln zu errichten. In der ebenfalls endgültig verabschiedeten Geschäftsordnung heißt es jedoch ausdrücklich, daß Köln nur "einstweilig" und Berlin grundsätzlich der Sitz der Geschäftsstelle ist und die Plenarsitzungen stets in Berlin abgehalten werden.
Der Präsident des Wissenschaftsrates, Prof. Coing, gibt auf einer Pressekonferenz bekannt, daß sich die Entscheidung für Köln auf die Notwendigkeit gründe, eng mit den anderen Zentralinstitutionen der Wissenschaften wie der Rektorenkonferenz, der ständigen Kultusministerkonferenz und der Deutschen Forschungsgemeinschaft zusammenzuarbeiten, die alle ihr Domizil in Bad Godesberg haben. Wichtiger als die Situierung einer relativ kleinen Geschäftsstelle - sie werde nicht mehr als zehn Angestellte haben - sei jedoch, daß alle wichtigen Entscheidungen des Wissenschaftsrates von Berlin ausgehen werden.
Der Regierende Bürgermeister Brandt erklärt dazu, daß sich Berlin diesen Argumenten beugen müsse. Wenn die Stadt gewünscht habe, daß der Wissenschaftsrat hier auch seine Geschäftsstelle etabliert, so sei dies nicht aus egoistischen Motiven, sondern aus der Überzeugung heraus geschehen, daß die Welt östlich und westlich der Grenzen den Ernst des Strebens nach der Wiedervereinigung daran ablese, was in Berlin zum Ausbau der Hauptstadt Deutschlands geschehe.

Der Ost-Berliner Magistrat
beschließt, für die Schüler der siebenten Klassen an aufwärts einen wöchentlichen Unterrichtstag "in der Produktion" einzuführen, und setzt zu diesem Zweck eine Arbeitsgruppe ein, die entsprechende Maßnahmen auszuarbeiten hat; die polytechnische Bildung soll gleichfalls durch Schullandheime "neuer Art", besonders im Oderbruch, gefördert werden;
überträgt durch eine Änderung der "Verordnung zum Schutz des innerdeutschen Handels" die Zuständigkeit für die Ausstellung von Warenbegleitscheinen von der Plankommission auf die Abteilung Innere Angelegenheiten des Magistrats.

Der Berliner SPD-Bundestagsabgeordnete Prof. Schellenberg bittet die Berliner AOK, ihn von seinem Amt als geschäftsführender Direktor zu entbinden und seine Versetzung in den einstweiligen Ruhestand zu beschließen. Wie Prof. Schellenberg mitteilt, habe Bundestagsvizepräsident Prof. Schmid, den er persönlich um Darlegung der Rechtsauffassung gebeten hatte, ihm erklärt, daß nach dem Rechtsstellungsgesetz der Bundestagsabgeordneten seine Tätigkeit bei der AOK mit der gleichzeitigen Ausübung seines Mandats unvereinbar sei. Mit dieser Entscheidung Prof. Schellenbergs werden die seit langem in der Öffentlichkeit ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten über die Vereinbarkeit beider Ämter beendet.

1958

8. Bundesparteitag der Deutschen Partei in der Kongreßhalle.
Den Auftakt dieses ersten Bundesparteitages der DP in Berlin bilden die Sitzung des Direktoriums und eine am Funkturm von einer Stahlhelm-Kapelle umrahmte Kundgebung, auf der Heinrich Hellwege, Martin Euler und Hans-Joachim von Merkatz sprechen.

Mit 221 von 274 abgegebenen Stimmen wird der niedersächsische Ministerpräsident Hellwege für weitere zwei Jahre zum Parteivorsitzenden wiedergewählt. Bei der Wahl seiner beiden Stellvertreter erhält der Vorsitzende der DP-Bundestagsfraktion, Herbert Schneider, mit 143 Stimmen überraschend die Mehrheit als erster stellv. Parteivorsitzender, während sein Gegenkandidat, Bundesminister von Merkatz, in einem weiteren Wahlgang mit 206 Stimmen zum zweiten stellv. Parteivorsitzenden gewählt wird.

In seinem Grundsatzreferat unterstreicht der Parteivorsitzende Hellwege das Recht der DP auf Eigenständigkeit und fordert eine konservative Erneuerung des Staates, weil eine konservative Einstellung zu den Problemen des Tages "nachgerade die modernste politische Haltung" darstelle. Bisher hätte allein die DP die staatspolitische Bedeutung des Wortes von der Dritten Kraft durch ihre Abgrenzung gegen den Rechtsradikalismus und als konservatives Bindeglied zwischen den ideologischen Fronten der SPD und CDU bewiesen.

Das Direktorium der DP wird vom Regierenden Bürgermeister Brandt, Bürgermeister Amrehn und Parlamentspräsident Henneberg im Rathaus Schöneberg empfangen.

1958

An der auf Initiative der SED-Parteigruppe im Deutschen Schriftstellerverband der DDR im Ost-Berliner Neuen Stadthaus veranstalteten Theoretischen Konferenz über Probleme des sozialistischen Realismus in der Literatur nehmen etwa 300 Schriftsteller, Literaturkritiker und "Werktätige" teil. Nach der Begrüßungsansprache des stellv. DDR-Kulturministers Abusch und den Einführungsreferaten von Johanna Rudolph über "Probleme des Realismus in unserer Literatur" und von Max Zimmering über "Die Entwicklung unserer Literatur seit 1945" steht die Auseinandersetzung um die Theorien des ungarischen Literaturwissenschaftlers Georg Lukacz im Mittelpunkt der Diskussionen. Ihm wird vorgeworfen, schon in den zwanziger Jahren die jungen sozialistischen Schriftsteller in ihrer Entwicklung systematisch behindert und entmutigt, ihr Schaffen als "Berichts- und Reportageliteratur" abgewertet, und später in der Emigration und zuletzt 1956 mit seinen gegen den sozialistischen Realismus gerichteten Lehren immer wieder Verwirrung gestiftet zu haben. Vor allem die "Werktätigen" aus sozialistischen Großbetrieben und LPGs fordern die Schriftsteller auf, endlich die revisionistischen Auffassungen zu überwinden, wirkliche Beziehungen zur Arbeiterklasse und ihrer Ideologie herzustellen und den sozialistischen Realismus als höchste schöpferische Methode der Literatur zu begreifen.

1959

Der sowjetische Partei- und Regierungschef Chruschtschow erklärt in einem Interview mit dem Budapester KP-Organ "Nepszabadság", er wolle jetzt zwar keine konkreten kritischen Bemerkungen dazu machen, wie einige westliche Vertreter an die Erörterung der wichtigen Fragen in Genf herangingen, doch entstehe der Eindruck, daß sie ein Abkommen erzielen möchten, um das "Besatzungsregime" in West-Berlin zu erhalten; sie wollten, daß "wir" vierzehn Jahre nach Beendigung des Krieges ein Dokument über die Verlängerung der Okkupation unterzeichnen. Können denn aber "ernste Menschen" etwa damit rechnen, daß die Sowjetunion ein solches Abkommen abschließt? Unter keinem Druck werde sie einer Verewigung des "Besatzungsregimes" in West-Berlin zustimmen.
Auch das Argument westlicher Politiker, ohne Abkommen über die Fortsetzung der Besetzung West-Berlins werde es keine Gipfelkonferenz geben, sei für Staatsmänner kein ernstzunehmendes Motiv. Denn das Treffen der Regierungschefs sei kein "Amüsement", sondern notwendig, um aktuelle internationale Fragen zu lösen, die nur durch sie gelöst werden könnten.

Der Senator für Bundesangelegenheiten, Klein, erläutert auf einer Pressekonferenz in Genf die Position des Senats zum gegenwärtigen Stand der Beratungen der Außenminister über Berlin:

  1. Westliche Konzessionen, die eine Veränderung des Status quo in Richtung auf die sowjetischen Vorschläge darstellen, lehnt der Senat ab.
  2. Eine kleine Reduzierung der westlichen Garnisonen würde den Senat "nicht kümmern", sofern ihr Schutzcharakter, auf den die Bevölkerung ein moralisches Recht habe, erhalten bleibt. Eine solche Verminderung dürfe jedoch nur auf Grund eines eigenen Entschlusses der drei Mächte und nicht auf der Basis eines Vertrages mit der Sowjetunion erfolgen, um deren Kontrolle über die westliche Truppenstärke zu vermeiden.
  3. Eine Einschränkung der Propagandatätigkeit dürfe die freie Meinungsäußerung nicht beeinträchtigen. Gegen Abmachungen der vier Mächte über ihre eigenen Aktivitäten habe der Senat keine Einwände, vorausgesetzt die westliche Position erfahre dadurch keine entscheidende Schwächung. Gegen Programmänderungen des RIAS wäre vom Berliner Standpunkt aus nichts einzuwenden, wohl aber gegen seine Auflösung.
  4. Eine Vereinbarung über die Zufahrtswege müsse den zivilen Verkehr mitordnen, wobei es zur Vermeidung von Schikanen genauer Formulierungen bedürfe, was und wie kontrolliert werde. Zu diesem Thema werde der Senat detaillierte Vorschläge ausarbeiten.
  5. Der Senat bedauert das Anschneiden der Frage der Bundesversammlung in Genf, wo sie nicht hingehöre. Ihre Abhaltung in Berlin sei eine Frage des nationalen Stils.
  6. Der französische Außenminister Couve de Murville sei aus taktischen Gründen zu weit gegangen, als er in einer Plenarsitzung der Konferenz erklärte, daß die Westmächte bei der Gründung der Bundesrepublik Berlin ausdrücklich nicht zu einem Teil von ihr gemacht haben. Berlin bilde einen Teil der Bundesrepublik, allerdings höre die Gewalt der Bundesregierung an der Tür der Alliierten Kommandantur auf.
Der stellv. Leiter des Staatlichen Rundfunkkomitees der DDR, Eisler, bezeichnet in einem Kommentar "Der Kragen platzt" die Absicht, den Bundespräsidenten in Berlin wählen zu lassen, als eine Provokation gegen die DDR. Angesichts dessen sei es ihm gestern im Gespräch mit Berliner Arbeitern "gar nicht leicht gefallen", sie zur Geduld zur überreden, denn sie hätten gefordert, "wir" sollten, solange der Bundestag in West-Berlin tagt, keinen einzigen Transport dorthin durchlassen.
Nicht weniger großen Zorn hätten auch die letzten Enthüllungen über das "Agentenunwesen" in West-Berlin erregt, so daß die Arbeiter ihn fragten, wie lange die DDR-Regierung sich das noch gefallen lassen wolle. "Wieviel Geld müssen wir denn noch ausgeben, um diese ... Halunkentätigkeit abzuwehren und uns vor ihr zu schützen? Warum legt ihr denn nicht auf alle Transporte, die nach Westberlin kommen, eine Abwehrsteuer? Soll West-Berlin das zahlen, was wir genötigt sind, an Geld mehr auszugeben, um uns vor den Agentenorganisationen zu schützen."
Von Seiten der DDR, "zu deren Territorium West-Berlin gehört und immer gehören wird", sei das große Zugeständnis gemacht worden, es nicht in sie einzuverleiben, sondern es als selbständige Freie Stadt unter internationaler Garantie zu belassen. Wenn aber absolut keine Verständigungsbereitschaft gezeigt werde, "wenn man die Politik des Provokateurs Adenauer und seiner Frontstadt-Clique in West-Berlin zur Richtlinie macht - dann ist es wahrlich kein Wunder, daß den Berlinern langsam der Kragen platzt".

Nach einer schweren Krankheit stirbt der erst vor wenigen Monaten zum Chef der Senatskanzlei berufene Senatsdirektor Otto Bleibtreu in Düsseldorf im Alter von 55 Jahren.

1959

Der sowjetische Partei- und Regierungschef Chruschtschow erklärt in einem Interview mit dem Budapester KP-Organ "Nepszabadság", er wolle jetzt zwar keine konkreten kritischen Bemerkungen dazu machen, wie einige westliche Vertreter an die Erörterung der wichtigen Fragen in Genf herangingen, doch entstehe der Eindruck, daß sie ein Abkommen erzielen möchten, um das "Besatzungsregime" in West-Berlin zu erhalten; sie wollten, daß "wir" vierzehn Jahre nach Beendigung des Krieges ein Dokument über die Verlängerung der Okkupation unterzeichnen. Können denn aber "ernste Menschen" etwa damit rechnen, daß die Sowjetunion ein solches Abkommen abschließt? Unter keinem Druck werde sie einer Verewigung des "Besatzungsregimes" in West-Berlin zustimmen.
Auch das Argument westlicher Politiker, ohne Abkommen über die Fortsetzung der Besetzung West-Berlins werde es keine Gipfelkonferenz geben, sei für Staatsmänner kein ernstzunehmendes Motiv. Denn das Treffen der Regierungschefs sei kein "Amüsement", sondern notwendig, um aktuelle internationale Fragen zu lösen, die nur durch sie gelöst werden könnten.

Der Senator für Bundesangelegenheiten, Klein, erläutert auf einer Pressekonferenz in Genf die Position des Senats zum gegenwärtigen Stand der Beratungen der Außenminister über Berlin:

  1. Westliche Konzessionen, die eine Veränderung des Status quo in Richtung auf die sowjetischen Vorschläge darstellen, lehnt der Senat ab.
  2. Eine kleine Reduzierung der westlichen Garnisonen würde den Senat "nicht kümmern", sofern ihr Schutzcharakter, auf den die Bevölkerung ein moralisches Recht habe, erhalten bleibt. Eine solche Verminderung dürfe jedoch nur auf Grund eines eigenen Entschlusses der drei Mächte und nicht auf der Basis eines Vertrages mit der Sowjetunion erfolgen, um deren Kontrolle über die westliche Truppenstärke zu vermeiden.
  3. Eine Einschränkung der Propagandatätigkeit dürfe die freie Meinungsäußerung nicht beeinträchtigen. Gegen Abmachungen der vier Mächte über ihre eigenen Aktivitäten habe der Senat keine Einwände, vorausgesetzt die westliche Position erfahre dadurch keine entscheidende Schwächung. Gegen Programmänderungen des RIAS wäre vom Berliner Standpunkt aus nichts einzuwenden, wohl aber gegen seine Auflösung.
  4. Eine Vereinbarung über die Zufahrtswege müsse den zivilen Verkehr mitordnen, wobei es zur Vermeidung von Schikanen genauer Formulierungen bedürfe, was und wie kontrolliert werde. Zu diesem Thema werde der Senat detaillierte Vorschläge ausarbeiten.
  5. Der Senat bedauert das Anschneiden der Frage der Bundesversammlung in Genf, wo sie nicht hingehöre. Ihre Abhaltung in Berlin sei eine Frage des nationalen Stils.
  6. Der französische Außenminister Couve de Murville sei aus taktischen Gründen zu weit gegangen, als er in einer Plenarsitzung der Konferenz erklärte, daß die Westmächte bei der Gründung der Bundesrepublik Berlin ausdrücklich nicht zu einem Teil von ihr gemacht haben. Berlin bilde einen Teil der Bundesrepublik, allerdings höre die Gewalt der Bundesregierung an der Tür der Alliierten Kommandantur auf.
Der stellv. Leiter des Staatlichen Rundfunkkomitees der DDR, Eisler, bezeichnet in einem Kommentar "Der Kragen platzt" die Absicht, den Bundespräsidenten in Berlin wählen zu lassen, als eine Provokation gegen die DDR. Angesichts dessen sei es ihm gestern im Gespräch mit Berliner Arbeitern "gar nicht leicht gefallen", sie zur Geduld zur überreden, denn sie hätten gefordert, "wir" sollten, solange der Bundestag in West-Berlin tagt, keinen einzigen Transport dorthin durchlassen.
Nicht weniger großen Zorn hätten auch die letzten Enthüllungen über das "Agentenunwesen" in West-Berlin erregt, so daß die Arbeiter ihn fragten, wie lange die DDR-Regierung sich das noch gefallen lassen wolle. "Wieviel Geld müssen wir denn noch ausgeben, um diese ... Halunkentätigkeit abzuwehren und uns vor ihr zu schützen? Warum legt ihr denn nicht auf alle Transporte, die nach Westberlin kommen, eine Abwehrsteuer? Soll West-Berlin das zahlen, was wir genötigt sind, an Geld mehr auszugeben, um uns vor den Agentenorganisationen zu schützen."
Von Seiten der DDR, "zu deren Territorium West-Berlin gehört und immer gehören wird", sei das große Zugeständnis gemacht worden, es nicht in sie einzuverleiben, sondern es als selbständige Freie Stadt unter internationaler Garantie zu belassen. Wenn aber absolut keine Verständigungsbereitschaft gezeigt werde, "wenn man die Politik des Provokateurs Adenauer und seiner Frontstadt-Clique in West-Berlin zur Richtlinie macht - dann ist es wahrlich kein Wunder, daß den Berlinern langsam der Kragen platzt".

Nach einer schweren Krankheit stirbt der erst vor wenigen Monaten zum Chef der Senatskanzlei berufene Senatsdirektor Otto Bleibtreu in Düsseldorf im Alter von 55 Jahren.

1961

Auf ihrer Sitzung im Rathaus Schöneberg gelangt die SPD-Bundestagsfraktion unter Leitung des Parteivorsitzenden Erich Ollenhauer und in Gegenwart des SPD-Kanzlerkandidaten Brandt zu der einmütigen Feststellung, daß sie, wie schon in der Vergangenheit, internationalen Verträgen wie z. B. dem Kulturabkommen mit der Sowjetunion nur dann zustimmen kann, wenn die Bindungen Berlins zum Bund und die Einbeziehung Berlins in den Geltungsbereich der Verträge eindeutig geklärt sind.

1966

Nach monatelangen diskreten protokollarischen Aktivitäten treffen sich anläßlich des "Tages der schwedischen Flagge" im Haus von Generalkonsul Backlund in der Dahlemer Pücklerstraße Botschafter Abrassimow und der Regierende Bürgermeister Brandt zu ihrem zweiten Gespräch; das erste am 8. Mai am gleichen Ort war geheimgehalten worden. Der Botschafter äußert sich positiv zur Rede Brandts auf dem SPD-Parteitag in Dortmund vor wenigen Tagen, fragt erneut, wann dieser ihn in Ost-Berlin besuchen will, und ob er einmal nach Moskau fahren wolle.

Vizepräsident Krüger von der LPD eröffnet im 2. Stock des alten Urania-Gebäudes in Schöneberg im Beisein von Bundessenator Schütz und des früheren Bundespostministers Lemmer das "Berliner Post- und Fernmeldemuseum", das auf einer Fläche von 750 Quadratmetern vorerst im wesentlichen Objekte der Fernmeldetechnik präsentieren kann. Im Postamt W15 in der Lietzenburger Straße in Wilmersdorfwar 1956 mit einer auf Berlin bezogenen Sammlung begonnen worden, nachdem Versuche des Senats gescheitert waren, in der Stadt wieder ein deutsches Museum zu errichten. Das ehem. Reichspostmuseum hatte bis zu seiner Zerstörung im letzten Krieg sein Domizil in der Mauer-/Ecke Leipziger Straße.

1968

Rund eintausend Berliner gedenken am Abend - einem Aufruf des Landesjugendringes und des Ringes Politischer Jugend folgend - mit einem Schweigemarsch vom Wittenbergplatz zum Rathaus Schöneberg des ermordeten US-Senators Robert F. Kennedy, der in den Morgenstunden an den Folgen eines am Vortage auf ihn verübten Attentats in Los Angeles verstarb. Der Senat läßt sich bei der Trauerfeier in der New Yorker St. Patricks-Kathedrale durch Bundessenator Spangenberg vertreten.

1969

Nahe der Adalbertstraße (Berlin-Kreuzberg) gelingt einem 24jährigen Fernmeldetechniker aus Ost-Berlin unter heftigem Beschuß durch DDR-Grenzposten die Flucht über die Mauer.
   Der US-Stadtkommandant, Generalmajor Robert G. Fergusson, protestiert "gegen dieses erneute Beispiel unverantwortlichen Waffengebrauchs im Sowjetsektor und der fortgesetzten Mißachtung von Menschenleben durch das kommunistische Regime".

1970

Bundesaußenminister Walter Scheel erklärt nach Abschluß der zweitägigen Sitzung des Ministerrats der Westeuropäischen Union (WEU) in Bonn, daß vor einer Regelung des Gesamtkomplexes der Beziehungen zum Osten erst das Berlin-Problem geregelt werden müsse. Die Sicherung der Position Berlins sei ein unverzichtbarer Teil eines Arrangements der Bundesrepublik mit den Ostblockländern. Der angestrebte Vertrag mit Moskau sollte unter diesen Umständen zwar in absehbarer Zeit unterzeichnet, aber erst nach einer befriedigenden Lösung der Berlin-Frage ratifiziert werden.

1972

In einem Interview der Nachrichtenagentur ADN nennt der Erste Sekretär des Zentralkomitees der SED, Erich Honecker, die Ratifizierung der Ostverträge (vgl. 17. Mai) und die Inkraftsetzung des Vier-Mächte-Abkommens über Berlin (vgl. 3. Juni) "Ereignisse von historischer Tragweite". Zum Vier-Mächte-Abkommen sagt Honecker, daß die drei Westmächte erstmals das Bestehen der DDR "in völkerrechtlich gültiger Form" und die DDR "als einen souveränen Staat in den bestehenden Grenzen" anerkannt hätten. Sie hätten ferner bestätigt, "daß Berlin mit Ausnahme seiner Westsektoren die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik ist". Von den Bestimmungen der Vier-Mächte-Vereinbarung werde ausschließlich West-Berlin berührt. Mit dem Abkommen werde bekräftigt, daß West-Berlin "einen besonderen politischen Status" besitze. "Alle diese völkerrechtlichen Festlegungen sind" ? so Honecker ? "von großer Tragweite. Sie räumen Spannungsursachen beiseite und schaffen durch die Anerkennung der realen Lage die Möglichkeit, weitere Schritte auf dem Weg der Entspannung zu tun." Honecker erneuert die Bereitschaft zu Verhandlungen mit der Bundesrepublik über die Normalisierung der Beziehungen zwischen beiden Staaten. (Vgl. 18. April.)

1974

Im Rathaus Schöneberg findet ein Abschiedsempfang des Senats für den scheidenden US-Stadtkommandanten, Generalmajor William W. Cobb, statt. Dabei trägt sich Cobb, der eine Aufgabe im US-Verteidigungsministerium in Washington übernehmen wird, in das Goldene Buch der Stadt ein.

1975

Mit einer Festveranstaltung im Apollo-Saal der Deutschen Staatsoper Unter den Linden ehrt der Ministerrat der DDR den Schriftsteller Thomas Mann (1875-1955) anläßlich seines 100. Geburtstags. Kulturminister Hans-Joachim Hoffmann hält eine Ansprache, in der er Thomas Mann als "einen der großen Schriftsteller unseres Jahrhunderts" bezeichnet, "einen Meister der Sprache, einen Humanisten, der die Lehren der Geschichte zu beherzigen verstand, einen Verbündeten im Kampf gegen die faschistische Barbarei".

1975

Auf dem Landesparteitag der Berliner F.D.P. in den Schultheiss-Festsälen in der Hasenheide (Berlin-Kreuzberg) wird Wirtschaftssenator Wolfgang Lüder mit 140 Stimmen bei 71 Gegenstimmen und 31 Enthaltungen für weitere zwei Jahre als Landesvorsitzender bestätigt. Stellvertretende Landesvorsitzende werden Bürgermeister Hermann Oxfort und Erwin Loßmann.

1977

Zum neuen Intendanten des Senders Freies Berlin wird vom Rundfunkrat der frühere SPD-Fraktionsvorsitzende im Abgeordnetenhaus, Wolfgang Haus, gewählt. Haus wird am 1. März 1978 Franz Barsig ablösen.

1978

Im Reichstagsgebäude findet ein Kongress der Europäischen Union Christlicher Demokraten (EUCD) statt. Die Vertreter der 1947 gegründeten EUCD, der inzwischen 19 Parteien aus zwölf Ländern angehören, erörtern bei ihrer 20. Tagung europäische Probleme, Fragen der Menschenrechte und die Bekämpfung des Terrorismus. Der CDU-Politiker Kai-Uwe von Hassel wird erneut zum Präsidenten der Vereinigung gewählt.

1981

Im Ost-Berliner "Stadion der Weltjugend" unterliegt im Endspiel um den FDGB-Pokal der FC Vorwärts Frankfurt/Oder mit 1:4 dem 1. FC Lokomotive Leipzig.

1984

Während seiner offiziellen Visite der Bundesrepublik kommt der wegen der Rassentrennungspolitik heftig umstrittene südafrikanische Premierminister Botha als "Gast der Bundesregierung" für rund vier Stunden nach Berlin. Nach einem Gespräch mit dem Regierenden Bürgermeister Diepgen im "VIP-Raum" des Flughafens Tegel ist Botha Gast eines ihm zu Ehren von Bürgermeister Lummer gegebenen Essens im Rathaus Schöneberg, das er wegen eines von rund 30 Abgeordneten und Anhängern der AL vor dem Hauptportal inszenierten "Sit-in" nur durch einen Nebeneingang betreten kann. Anschließend besucht Botha das Luftbrückendenkmal und die Mauer am Brandenburger Tor. Vor dem Konsulat Südafrikas in der Koenigsallee im Ortsteil Grunewald protestieren etwa 200 Personen gegen die Apartheidspolitik. Der erst Ende Mai ins SED-Politbüro gewählte, für Fragen der Beziehungen zur Bundesrepublik und zu West-Berlin zuständige ZK-Sekretär Herbert Häber empfängt in Ost-Berlin eine unter Leitung ihres stellv. Vorsitzenden Volker Hauff stehende und zu einem Informationsbesuch über Fragen des Umweltschutzes in der DDR weilende dreiköpfige Delegation der SPD-Bundestagsfraktion zu einem Gespräch über Sicherheit, Rüstungskontrolle und Abrüstung.

Die beiden Mitglieder des IOC und Präsidenten der NOKs der Bundesrepublik und der DDR, Daume und Ewald, treffen sich in Ost-Berlin zu einem Meinungsaustausch über die weitere Entwicklung der olympischen Bewegung nach der jüngsten Entwicklung (vgl. 18./20. Mai).

Nach langer schwerer Krankheit stirbt in Berlin im Alter von 77 Jahren der Sozialpolitiker und -Wissenschaftler Ernst Schellenberg (SPD) -1945 bis 1946 Stadtrat für Sozialwesen und Gründer bzw. Geschäftsführer der VAB sowie der späteren KVAB, 1946 bis 1948 Professor für Sozial- und Versicherungswesen an der Humboldt-Universität, 1952 bis 1976 Mitglied des Bundestages und maßgebender Gestalter der Sozial- und Rentengesetzgebung des Bundes.

1985

Das unter der Regie der Berliner Festspiele GmbH stehende 3. Festival der Weltkulturen "Horizonte '85" mit dem Titel "Im Jahr des Büffels" (vgl. 12. Mai) ist in diesem Jahr Ost- und Südostasien gewidmet, in dessen Verlauf rund 500 Künstler aus dem Fernen Osten in einer Fülle von Veranstaltungen in Musik, Theater, Film und Literatur gastieren.

1985

DDR-Staats- und Parteichef Honecker trifft im Jagdschloß Hubertusstock am Werbellinsee den langjährigen früheren SPD-Bundestagsfraktionsvorsitzenden Wehner, der sich mit seiner Frau Greta privat in der DDR aufhält, zu einem ausführlichen Meinungsaustausch "in aufgeschlossener herzlicher Atmosphäre" - so ADN - über internationale Probleme, wobei Fragen der Friedenssicherung im Mittelpunkt stehen.

Das für Wirtschaftsfragen zuständige SED-Politbüromitglied Mittag empfängt in Ost-Berlin den DIHT-Präsidenten Wolff von Amerongen zu einem Gespräch, wobei ersterer unterstreicht, daß die DDR sich in ihrer Politik gegenüber der Bundesrepublik von dem Willen tragen lasse, die "Politik der friedlichen Koexistenz konsequent zu verwirklichen", während Wolff, bezogen auf den Handel mit der DDR, das Interesse der bundesdeutschen Wirtschaft an einer Ausdehnung und Vertiefung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit der DDR hervorhebt.

In einer Feierstunde im Rathaus Schöneberg erhält der 66jährige CDU-Politiker Werner Goldberg die ihm von Senat und Abgeordnetenhaus verliehene Würde eines Stadtältesten (Nr. 194) für seine langjährigen kommunalpolitischen Verdienste,1 vor allem als Vorsitzender des Petitionsausschusses im Abgeordnetenhaus.

1987

Im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark besiegt vor 5500 Zuschauern am letzten Spieltag der Saison 1986/87 der BFC Dynamo den FC Karl-Marx-Stadt mt 2:0 und gewinnt zum neunten Mal in Folge den Titel des DDR-Fußballmeisters, der allerdings schon mit einem 0:1 bei Energie Cottbus am 23. Mai gesichert worden war.

1987

Drei Abende hintereinander ist der Platz der Republik vor dem Reichstag zur750-Jahr-Feier Schauplatz eines "Concert for Berlin", der, nach Angaben der Organisatoren, bislang größten Rock-Veranstaltung in der Stadt, die mit internationalen Stars wie David Bowie, den "Eurythmics" mit Annie Lennox, Paul Young oder "The Genesis" insgesamt 210 000 Zuhörer anzieht. Auf deranderen Seite derMauersuchen einge tausend Ost-Berliner Rock-Fans zumindest akustisch etwas von diesem Spektakel "mitzubekommen", Volkspolizei drängt sie jedoch zurück, was zu Auseinandersetzungen führt. Während ADN die Berichte westdeutscher Korrespondenten über diese Vorfälle zunächst als "Hirngespinste" abtut, später einer Mitteilung des DDR-Innenministeriums zufolge immerhin einräumt, daß am Pfingstmontag "einzelne Ruhestörer und Randalierer, die die Situation ausnutzen wollten, festgestellt" wurden, aber niemand verhaftet worden sei, legt die Bundesregierung schärfsten Protest ein gegen die Mißhandlung und Behinderungen der Arbeit der Korrespondenten durch DDR-Sicherheitsorgane, und dies sowohl durch den Leiter der Ständigen Vertretung in Ost-Berlin, Staatssekretär Bräutigam, als auch durch das Kanzleramt in Bonn, das dazu den DDR-Gesandten Glienke zu sich bestellt. Die DDR weist die Proteste entschieden zurück, beschuldigt vielmehr die Korrespondenten, "entstellende Berichtee" verbreitet zu haben, für die sie auch die Konsequenzen zu tragen hätten.

1988

DDR-Staats- und Parteichef Honecker empfängt in seinem Amtssitz den Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland und Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Galinski, zu einem ersten offiziellen Gespräch. Galinski begrüßt die von Honecker in seinem Gespräch mit Vertretern Jüdischer Gemeinden in der DDR am 2. Juni angekündigte Initiative zur Errichtung eines internationalen Kuratoriums und einer Stiftung für den Wiederaufbau der Synagoge in der Oranienburger Straße und regt zugleich an, den Jüdischen Friedhof in Weißensee, mit 115 000 Grabstellen der größte seiner Art in Europa, in dieses Projekt mit einzubeziehen. Weitere Diskussionspunkte sind die Gestaltung des Gedenkens an den 50. Jahrestag des Pogroms vom 9. November 1938 in beiden deutschen Staaten, die Erziehung der jungen Generation, das Nahost-Problem, wobei Galinski an Honecker appelliert, in der Berichterstattung der DDR-Medien für mehr Ausgeglichenheit zu sorgen, Entschädigungszahlungen der DDR an Juden, Öffnung von DDR-Archiven mit NS-Materialien auch für westliche Interessenten. Galinski nennt das Gespräch vor Journalisten "rundum befriedigend".

Die Polizei beginnt mit der Umzäunung des seit dem 26. Mai von Angehörigen sogenannter Autonomer. Gruppen besetzten Lenne-Dreiecks, das nach der Vereinbarung zwischen Senat und DDR-Regierung am 1. Juli an West-Berlin fallen soll (vgl. 31. März). Laut Innensenator Kewenig wolle man damit die Gefährdung der Besetzer durch vorhandene Reste von Munition aus dem Zweiten Weltkrieg vermeiden und den Rechtsfrieden bewahren. Im Innenausschuß des Abgeordnetenhauses bestätigt der Senator die Ablehnung eines Wunsches seiner Verwaltung seitens der Alliierten nach Räumung dieses Areals. Mit ihrer Aktion wollen die "Besetzer" den angeblich geplanten Bau einer darüber führenden Nord-Süd-Straße verhindern.

1990

Der Ausschuß "Einheit Berlins" der Ost-Berliner Stadtverordnetenversammlung konstituiert sich. (Vgl. 28. Mai.)

In Ost-Berlin wird die mutmaßliche RAF-Terroristin Susanne Albrecht - seit 13 Jahren in der Bundesrepublik steckbrieflich gesucht - festgenommen. Weitere Festnahmen von in der DDR untergetauchten RAF-Mitgliedern folgen.

Vor 77 000 Fans spielt die Rockgruppe Rolling Stones im ausverkauften Berliner Olympia-Stadion.
   Am 13./14. August treten die Rolling Stones an zwei Abenden vor 100 000 Zuschauern in Ost-Berlin (Weißenseer Radrennbahn) auf.

1991

Im ersten Prozeß gegen ein Mitglied der ehemaligen DDR-Staats- und Parteiführung wird das Urteil verkündet: Harry Tisch, ehemaliger Vorsitzender des DDR-Gewerkschaftsbunds FDGB, wird von der 19. Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin wegen Veruntreuung von Gewerkschaftsgeldern zu 18 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. (Vgl. 29. Januar.) Der 64jährigen bleibt auf freiem Fuß, da die Dauer der Untersuchungshaft angerechnet wird.

Im Theater des Westens überreicht Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die mit insgesamt 5,58 Millionen DM dotierten Bundesfilmpreise 1991. Mit einem Filmband in Gold und mit einer Prämie von 900 000 DM wird Werner Schroeters Inszenierung "Malina" bedacht. Mit Filmbändern in Silber und jeweils 700 000 DM werden Volker Schlöndorffs "Homo Faber", Roland Gräfs DEFA-Produktion "Der Tangospieler" und Sibylle Schönemanns Dokumentation "Verriegelte Zeit" gewürdigt. Die sechs Produktionen, die zwar nominiert, aber nicht preisgekrönt wurden, erhalten eine Prämie von jeweils 400 000 DM: "Go, Trabi, go" von Peter Timm, "Das Heimweh des Walerian Wrobel" von Rolf Schübel, "Nie im Leben" von Helmut Berger, "Das serbische Mädchen" von Peter Sehr, "Step across the border" von Nicolas Humbert und Werner Penzel sowie "Winckelmanns Reisen" von Jan Schütte. Filmbänder in Gold werden für Einzelleistungen in den Sparten Regie, Drehbuch, darstellerische Leistungen, Kamera und Montage vergeben: Werner Schroeter erhält die Auszeichnung für die Regie des Films "Malina", Jurek Becker für das Drehbuch von Werner Mastens Film "Neuner", Isabelle Huppert für ihre darstellerische Leistung in "Malina", Harald Juhnke, Gisela May und Ilse Werner für ihr Mitwirken in Ottokar Runzes Film "Die Hallo-Sisters", Michael Gwisdek für seine Hauptrolle in Roland Gräfs Inszenierung "Der Tangospieler", Robby Müller als Kameramann von Andrzej Wajdas Film "Korczak" und Juliane Lorenz für ihre Montage des Films "Malina". Frank Beyer erhält für sein Gesamtwerk ein Filmband in Gold.

1993

Nach 18jähriger Wiederaufbauzeit wird der Berliner Dom am Lustgarten in Berlin-Mitte mit einem Festgottesdienst eingeweiht. Der Einweihungsgottesdienst vereint die Mitglieder der Domgemeinde mit mehr als 1?000 Ehrengästen, unter ihnen Würdenträger verschiedener Konfessionen, Bundeskanzler Helmut Kohl, Brandenburgs Ministerpräsident Manfred Stolpe und der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen. Alle Deutschen hätten mit der Wiedereinweihung ein Stück Geschichte wieder, sagt Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Ansprache.
   Seit 1975 wurde der durch Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigte "Kaiserdom" wieder aufgebaut. 103 Millionen DM hat der Wiederaufbau bis jetzt gekostet.

1995

Im ICC in Berlin-Charlottenburg findet der 44. Deutsche Kongreß für ärztliche Fortbildung mit rund 8 000 Teilnehmern statt. Etwa 290 Referenten gestalten das wissenschaftliche Programm. Parallel zum Ärztekongreß werden der 28. Deutsche zahnärztliche Fortbildungskongreß und der 26. Fortbildungskongreß für Pflege- und Medizinalfachberufe veranstaltet. Außerdem wird eine pharmazeutische Ausstellung gezeigt.

1997

Unter dem Motto "Die Nacht der Stars" findet in einem Hangar des Flughafens Berlin-Tempelhof die Verleihung der Bundesfilmpreise 1997 statt. Vor 2 000 Gästen und den Kameras der ARD, die die Veranstaltung live überträgt, werden die Filmbänder in Gold und Silber für hervorragende Spiel- und Dokumentarfilme und ausgezeichnete Einzelleistungen durch Bundesinnenminister Manfred Kanther vergeben. Der Hauptpreis, ein Filmband in Gold für den besten Film, geht an "Rossini" von Helmut Dietl. (Vgl. 29. Jan. 1997.) Mit Filmbändern in Silber werden "Jenseits der Stille" von Caroline Link und "Das Leben ist eine Baustelle" von Wolfgang Becker ausgezeichnet. Als beste Hauptdarsteller werden Sylvie Testud ("Jenseits der Stille") und Jürgen Vogel ("Das Leben ist eine Baustelle") geehrt. Beste Nebendarsteller sind Martina Gedeck ("Rossini" und "Das Leben ist eine Baustelle") sowie Moritz Bleibtreu ("Knockin' on Heaven's Door"). Ein Filmband für die beste Regie erhält Helmut Dietl ("Rossini"), für die beste Kamera Martin Langer ("14 Tage lebenslänglich"), für den besten Schnitt Inez Regnier ("Rossini" und "Echte Kerle"), für die beste Musik Niki Reiser ("Jenseits der Stille"). Ein Filmband in Gold für den besten ausländischen Film geht an den US-amerikanischen Streifen "Sinn und Sinnlichkeit" von Ang Lee. Einen Ehrenpreis für herausragende Verdienste um den deutschen Film (Filmband in Gold) erhält der Filmplakatgestalter Klaus Dill. Ehrenpreise an ausländische Persönlichkeiten für ihr Gesamtwerk (Filmbänder in Gold) gehen an die US-amerikanische Schauspielerin Jennifer Jones und den US-amerikanischen Regisseur Billy Wilder.

1998

Auf dem Landesparteitag der Berliner SPD im Palais am Funkturm in Berlin-Charlottenburg wird der bisherige Landesvorsitzende Detlef Dzembritzki in seinem Amt bestätigt. Erst im vierten Wahlgang setzt er sich mit 158 Stimmen gegen Hans-Georg Lorenz (145 Stimmen) durch. Als stellvertretende Landesvorsitzende werden Klaus-Uwe Benneter, Christine Bergmann, Hermann Borghorst und Monika Buttgereit bestätigt. Neuer Landesgeschäftsführer wird der frühere Wirtschaftssenator Norbert Meisner.

Am Brandenburger Tor wird der mit insgesamt fünf Millionen DM dotierte Deutsche Filmpreis 1998 verliehen. Etwa 1 800 Gäste nehmen an der Veranstaltung in der eigens dafür aufgebauten Zeltstadt teil. Der Hauptpreis, ein Filmband in Gold für den besten Film, geht an "Comedian Harmonists" von Joseph Vilsmaier. Er wird von Bundesinnenminister Manfred Kanther übergeben. Mit Filmbändern in Silber werden "Winterschläfer" von Tom Tykwer und "Zugvögel - Einmal nach Inari" von Peter Lichtefeld ausgezeichnet. Ein Filmband in Gold für die beste Regie erhält Wim Wenders ("Am Ende der Gewalt"). Als beste Hauptdarstellerin wird Katja Riemann ("Die Apothekerin" und "Bandits") mit einem Filmband in Gold geehrt, als bester Hauptdarsteller Ulrich Noethen ("Comedian Harmonists"). Beste Nebendarstellerin ist Meret Becker ("Comedian Harmonists"), bester Nebendarsteller Peter Lohmeyer ("Zugvögel"). Sie erhalten Filmbänder in Gold. Ein Filmband in Gold für die beste Kamera erhält Frank Griebe ("Winterschläfer" und "Zugvögel"), für den besten Schnitt Peter R. Adam ("Comedian Harmonists") und für das beste Szenenbild Rolf Zehetbauer ("Comedian Harmonists"). Filmbänder in Gold für den besten ausländischen Film gehen an "Brassed Off - Mit Pauken und Trompeten" und "Ganz oder gar nicht". Ein Ehrenpreis für herausragende Verdienste um den deutschen Film (Filmband in Gold) geht an Heinz Badewitz, den Leiter der Hofer Filmtage, ein Ehrenpreis für das Gesamtwerk (Filmband in Gold) an Gregory Peck.

1999

Mehr als 22 000 Fahrradfahrer nehmen an einer Sternfahrt zum Brandenburger Tor teil. Sie protestieren gegen die Verkehrspolitik des Senats und fordern, dass auf den Fahrbahnen 1,50 Meter breite Radwege angelegt werden.

2000

Die Berliner Hochschule der Künste soll anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens in "Universität der Künste Berlin" umbenannt werden. Einem entsprechenden Antrag von Präsident Lothar Romain stimmt der Akademische Senat der Hochschule zu.

2000

Auf dem Südgelände des Flughafens Berlin-Schönefeld findet die fünfte Internationale Luft- und Raumfahrtausstellung (ILA) statt. Eröffnet wird sie von Bundeswirtschaftsminister Werner Müller, dem Regierenden Bürgermeister Eberhard Diepgen und dem brandenburgischen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe. Die Schau ist geprägt vom ersten Auftritt des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS. Mit 941 Ausstellern aus 38 Ländern hat die ILA eine Rekordbeteiligung. Erstmals sind Brasilien, Irland, Südafrika und Usbekistan vertreten. Die rückläufige Besucherzahl von etwas mehr als 200 000 (1998: rund 226 000) wird von der Messe Berlin mit einer kürzeren Öffnungszeit für das Privatpublikum wegen der drei Fachbesuchertage erklärt.

2001

Nach zehn Jahren ist die große Koalition am Ende. Die Berliner SPD kündigt vor dem Hintergrund der Bankenkrise (vgl. 31. Mai 2001) das Regierungsbündnis mit der CDU auf und strebt Neuwahlen an. Um Mitternacht wird die entscheidende Sitzung des Koalitionsausschusses abgebrochen.

Die Berliner Stadtbibliothek wird 100 Jahre alt. Sie bildet heute zusammen mit der Amerika-Gedenkbibliothek und dem Zentrum für Berlin-Studien die Zentral- und Landesbibliothek.

2003

Im Tempodrom am Anhalter Bahnhof (Kreuzberg) wird der 53. Deutsche Filmpreis verliehen. Wolfgang Beckers Tragikomödie "Good Bye, Lenin!" erhält neun Preise.

2004

An der diesjährigen Sternfahrt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC), die auf 16 Routen zum Großen Stern (Tiergarten) führt, beteiligen sich rund 250 000 Radfahrer. Das sind mehr als doppelt so viele Teilnehmer wie 2003.

2006

Eröffnet wird im Parlamentsviertel die sogenannte Bundestagsarena, in der sich der Deutsche Bundestag zur 18. Fußballweltmeisterschaft präsentiert. In dem 22 Meter hohen Nachbau der Reichstagskuppel können bis zum 9. Juli WM-Gäste aus aller Welt Wissenswertes rund um das deutsche Parlament erfahren.

2008

Auf dem Schlossplatz in Mitte wird mit dem Bau der Temporären Kunsthalle Berlin begonnen. Ausschließlich privat finanziert, wird sie eine Bühne sein für zeitgenössische bildende Kunst aus Berlin. Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit greift zum ersten Spatenstich persönlich zur Schaufel. Gleich nebenan rollen die Bagger weiter, um den Palast der Republik abzureißen und Platz zu schaffen für das Humboldt-Forum. Mit dem Baubeginn des Humboldt-Forums 2010 soll dann auch die von dem Wiener Architekten Adolf Krischanitz entworfene Ausstellungshalle wieder verschwinden.

2015

Im ausverkauften Olympiastadion in Charlottenburg findet das UEFA-Champions-League-Finale statt. Der FC Barcelona gewinnt mit 3 : 1 (1 : 0) gegen Juventus Turin.

2020

Nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd am 25. Mai in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota wird auch in Berlin gegen Rassismus und Polizeigewalt protestiert. Auf dem Alexanderplatz kommen Menschen zu einem stillen Protest (»Silent Demo«) zusammen, um sich mit der weltweiten Antirassismusbewegung »Black Lives Matter« zu solidarisieren. Demonstrierende setzen sich auf den Boden und schweigen für acht Minuten und 46 Sekunden – so lange, wie George Floyd von einem weißen Polizisten mit dem Knie am Hals zu Boden gedrückt wurde. Nach dem brutalen Polizeieinsatz war Floyd tot. Auf 15 000 schätzt die Polizei die Zahl der Teilnehmenden. Die Veranstalter hatten mit 1 500 gerechnet. Die Versammlung sorgt für erneute Appelle, die Coronaregeln einzuhalten.
Nach Beendigung der friedlichen Kundgebung kommt es zu Rangeleien mit der Polizei.
Bereits am 30. Mai protestierten etwa 2 000 Menschen vor der US-Botschaft. Am 31. Mai zogen 1 500 Demonstrierende durch Kreuzberg.

2023

Im ersten öffentlichen Prozess zu den Silvester-Krawallen in Berlin ist ein 23-Jähriger vom Amtsgericht Tiergarten zu acht Monaten Gefängnisstrafe auf Bewährung verurteilt worden. Das Gericht befand den Mann des Angriffs auf Vollstreckungsbeamte und der versuchten gefährlichen Körperverletzung für schuldig. Er hatte einen Böller in Richtung eines Polizisten geworfen, der der Feuerwehr beim Löschen eines Brandes geholfen hatte.¹

¹ Siehe den Chronik-Eintrag vom 1. Januar 2023.


Zitierform: Berlin - Chronik. Online-Version : Hrsg. vom Landesarchiv Berlin. - URL: http://www.landesarchiv-berlin-chronik.de (Stand: 06.06.2026)